Neues aus Klinkrade: Der/die Nachbar*in als Feind*in | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Neues aus Klinkrade: Der/die Nachbar*in als Feind*in

Text: Inga Lehmann und Wolfgang Tempel

Man sagt ja, unser Dorf sei die Wiege des Miteinanders. Ein Ort, an dem man sich noch grüßt, wo die Welt noch in Ordnung ist. Das stimmt auch – solange man seine Hecke im exakten 90-Grad-Winkel stutzt und sein Auto niemals, wirklich niemals, entgegen der Fahrtrichtung abstellt. Tut man es doch, erwacht eine dörfliche Urgewalt, die gefährlicher ist als jeder Pflanzenschädling: Der/die gemeine Dorf-Blockwart*in.

Er/sie ist der/die selbsternannte Wächter*in des dörflichen Raums, der/die Hüter*in des Lichtraumprofils und der/die Endgegner*in jedes Freigeistes. Während die Polizei in Lübeck kapituliert, herrscht in Klinkrade dank ihm/ihr lückenlose Aufklärung. Da parken zwei Autos in entgegengesetzter Richtung vor einem Grundstück? Für den städtischen Hipster ein „kreatives Raumkonzept“. Für unsere/n dörfliche/n Ordnungshüter*in ist es die Anarchie im Endstadium. Das Smartphone zuckt schneller als der Colt von Lucky Luke: Klick. Das Ordnungsamt dankt, die Staatskasse füllt sich, der nachbarschaftliche Frieden ist nachhaltig hingerichtet.

Und wehe dem Gehölz, das die Grenze überschreitet! Ein Ast, der zwei Zentimeter über den Asphalt ragt, wird nicht als Natur, sondern als territorialer Angriff gewertet. Da wird nicht geredet, da wird gemeldet.

Nun aber ernsthaft:

Wir sitzen oft zusammen und feiern miteinander. Treffen uns täglich beim Spazierengehen oder auf der Hunderunde, bleiben stehen und wechseln ein paar Worte. Wir kennen uns alle untereinander.

Haben wir es wirklich nötig, uns gegenseitig anzuschwärzen, wie in jüngster Zeit häufiger geschehen?

Die Welt um uns herum ist von Kriegen und Krisen geprägt. Beschimpfungen, Hass, Hetze, Missgunst sind an der Tagesordnung. Sollten wir da nicht hergehen und alles daransetzen, dass zumindest bei uns im Dorf die Gemeinschaft und das Miteinander bestehen bleibt? Wir gehen mit unseren Kindern zusammen Laterne und feiern Kinderfeste, wir sitzen und trinken zusammen bei Rolf oder auf dem Dorffest, wir stehen in der Adventszeit zusammen und singen Weihnachtslieder… Wollen wir das wirklich aufs Spiel setzen, nur weil der eine oder die andere dem oder der anderen „nicht aufs Fell gucken kann?“.

„Erst miteinander reden“ – eine kleine Dorfregel

In jedem Dorf gibt es Dinge, die jemanden stören: ein falsch abgestelltes Auto, ein zu hoher Lärmpegel, ein nicht gepflegter Randstreifen oder irgendetwas, das vielleicht tatsächlich gegen eine Regel oder öffentliche Ordnung verstößt.

Natürlich hat jeder das Recht, solche Dinge anzusprechen oder sich an die zuständige Stelle zu wenden. Aber vielleicht können wir uns als Dorf auf etwas anderes verständigen:

Bevor ein Ordnungsgeld oder eine Anzeige ins Haus flattert: Sprechen wir doch erst einmal miteinander!

Nicht, weil Regeln unwichtig sind, sondern weil wir ein Dorf sind und keine anonyme Wohnsiedlung. Manchmal gibt es gute Gründe, warum etwas gerade so ist, wie es ist – und manchmal weiß der andere schlicht nicht, dass er jemanden stört.

Deshalb vielleicht ganz einfach:„Wenn dich etwas bei deinem Nachbarn stört, klingel‘ erst ‘mal bei ihm.“

Und wenn das nicht funktioniert, kann man immer noch den nächsten Schritt gehen.

Denn ein Dorf funktioniert nicht nur über Regeln, sondern vor allem über Gespräch, Vertrauen und ein bisschen gegenseitige Rücksichtnahme!

„Das bringt doch sowieso nichts“, werden jetzt viele sagen. Doch wenn wir diejenigen, die es betrifft zum Nachdenken bewegen, hat es schon ‘was gebracht.